Programm gertrud
Ziel ist es, älteren Patientinnen und Patienten auf Allgemeinstationen im Krankenhaus eine risikoangepasste und altersgerechte Gesundheitsversorgung mit Therapie, Pflege und Begleitung zu bieten. Die Wirkung der nicht-pharmakologischen Delirprävention zeigt sich in der Abnahme des Delirs und der delirassoziierten gesundheitlichen Folgen für die Patientinnen und Patienten.
Altersgerechte proaktive Gesundheitsversorgung
Ziel ist es, älteren Patientinnen und Patienten auf Allgemeinstationen im Krankenhaus eine risikoangepasste und altersgerechte Gesundheitsversorgung mit Therapie, Pflege und Begleitung zu bieten. Das heißt, entsprechend dem individuellen Delirrisiko der Patientin bzw. des Patienten und den psychosozialen Bedürfnissen die Versorgung anzupassen. Die Wirkung der nicht-pharmakologischen Delirprävention zeigt sich in der Abnahme des Delirs und der delirassoziierten gesundheitlichen Folgen für die Patientinnen und Patienten. So kann ein Delir sich langfristig negativ auf den kognitiven Zustand auswirken und damit eine Rückkehr nach Hause erschweren. Ein Klinikaufenthalt mit psychosozialer Begleitung und biografieorientierter Beziehungsgestaltung wirkt sich lindernd auf Angst und Unruhe bei dieser Patientengruppe aus, was wiederum das Delirrisiko senkt. Mit care & accompany kann den Herausforderungen für Pflegefachpersonen in der Pflege von älteren Patientinnen und Patienten insbesondere mit kognitiven Funktionseinschränkungen, wie Demenz und Delir, entlastend begegnet werden.
Die Zielgruppe von care & accompany sind ältere Risikopatientinnen- und patienten ab 70 Jahren und deren Angehörige. Am LMU Klinikum waren bislang Patientinnen und Patienten der Pilotstationen, Herz- und Unfallchirurgie/Orthopädie, die einer Operation bedürfen, im Fokus. Care & accompany ist jedoch für ältere Patientinnen und Patienten auf allen Allgemeinstationen im Krankenhaus passend.
Drei zentrale Maßnahmen:
- Bei elektiven Patientinnen und Patienten erfolgt prästationär ein ausführliches geriatrisches Assessment mit Risikoeinschätzung, eine Edukation zur Delirprävention und vorbereitende Maßnahmen für die bevorstehende Operation in sektorenübergreifender und interdisziplinärer Zusammenarbeit.
- Die älteren Patientinnen und Patienten erhalten gemeinsam mit den Angehörigen bedarfsorientierte psychosoziale Interventionen.
- In Delegation der Pflegefachpersonen werden nicht-pharmakologische Maßnahmen der Delirprävention im Pflegeprozess geplant und umgesetzt.
Chancengleichheit für ältere Patientinnen und Patienten
Das Delirrisiko steigt mit Alter, kognitiver Funktionseinschränkung, wie Demenz, und Gebrechlichkeit als zentrale Faktoren. Ein Delir ist ein akuter Verwirrtheitszustand mit u.a. Störung von Aufmerksamkeit/Orientierung, Halluzinationen, Agitation oder Schläfrigkeit. Ältere Patientinnen und Patienten mit Demenz haben ein 1,5 bis 2,3-fach erhöhtes Risiko ein Delir zu erleiden. Das Delir ist mit einem erhöhten Risiko der Einweisung in eine pflegerische Einrichtung verbunden. Dies ist u.a. darin begründet, dass bei 40% der Betroffenen nach einem Delir kognitive Folgeprobleme auftreten. Das Auftreten eines Delirs ist ebenfalls mit einer erhöhten Mortalität verbunden.
Um älteren Patientinnen und Patienten Chancengleichheit für eine Rückkehr in die eigene Häuslichkeit nach einem Krankenhausaufenthalt zu ermöglichen, benötigen diese Patientinnen und Patienten eine angepasste Therapie, gezielte Maßnahmen der nicht-pharmakologischen Delirprävention und der intensivierten Begleitung und Beziehungsgestaltung, um Ängsten und Stress mit Vertrauen und Sicherheit begegnen zu können.
Dies wurde mit prästationären und stationären Komponenten im Programm gertrud umgesetzt.
Die Komponenten wurden literaturgestützt und evidenzbasiert in einem multiprofessionellen Team entwickelt.
Es wurden eine begleitende Prozessevaluation und Ergebnisevaluation durchgeführt u. a. auf der Basis von Patientendaten, Befragungen von Stationsmitarbeitern und Auswertung der elektronischen Pflegedokumentation.
Am Pilot-Projekt zum Programm gertrud waren Ärztinnen und Ärzte unterschiedlicher Disziplinen, Pflegefachpersonen mit verschiedenen Qualifikationen und Betreuungsassistenten bzw. Freiwillige beteiligt.
Zentrale Aufgaben und Komponenten
Erkenntnisse aus der Projektlaufzeit
Mit der Komponente care & accompany konnten 38% der Patientinnen und Patienten ab 70 Jahre mit den vorhandenen Ressourcen erreicht werden. Die begleiteten Patientinnen und Patienten wurden nach ihrem individuellen Risikoprofil ausgewählt. Laut Befragung der Pflegepersonen gelingt die Zusammenarbeit mit Betreuungsassistenten gut und deren Tätigkeit würde sonst eher nicht erbracht werden können. Durch care & accompany habe die Unruhe bei Patientinnen und Patienten abgenommen. Pflegefachpersonen berichteten in Interviews über psychische Entlastung, da sie die Person „in guten Händen“ wissen. 70% der Angehörigen gaben an, dass Betreuungsassistenten eine individuelle Teilhabe ermöglichen, die Stimmung der Patientinnen und Patienten positiv verändern und diese weniger verwirrt seien und sich sicherer fühlten. Die Bundesfreiwilligen von care & accompany stammen aus München und Umland und sind meist Abiturientinnen und Abiturienten, die die Zusammenarbeit der Berufsgruppen im Krankenhaus für ihre Berufsfindung kennen lernen wollen. Die jungen Menschen sagen, sie wollen an die ältere Generation durch ihre Begleitung etwas zurückgeben. In Abschlussgesprächen berichteten sie, sich vor allem Empathie und kommunikative Fähigkeiten angeeignet zu haben. Sie resümierten, dass sie sich im stressigen Klinikalltag intensiv Zeit für Patientinnen und Patienten nehmen und den Menschen kennen lernen konnten. So antwortete ein Patient mit Demenz auf die Frage des BFD: „Haben Sie Schmerzen?“, mit den Worten, „Nein, ich habe deine Liebe.“ In einer Masterarbeit konnte gezeigt werden, dass junge Freiwillige nach praxisorientierter Schulung in Kommunikation und Interaktion zu Demenz, das Gelernte auf Station in der Begleitung umsetzen konnten. Die delirsenkende Wirkung nicht-pharmakologischer Delirprävention, wie kognitive Aktivierung, Re-Orientierung, Stressreduktion, Bewegungs-, Trink- und Schlafförderung ist durch Studien bereits belegt.
Modellcharakter und Regelversorgung
Die pflegerische Versorgungssituation für ältere Patientinnen und Patienten im Krankenhaus wird verbessert, indem gemäß ganzheitlichem Ansatz der Pflege neben körperlichen auch psychosozialen Bedürfnissen in höherem Maße entsprochen werden kann. Care & accompany zeigt modellhaft, wie der Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz im Krankenhaus unter Einbindung von Personen ohne pflegerische Ausbildung eingeführt werden kann. Mit der Pflegeplanung wird kriteriengestützt der psychosoziale Bedarf erfasst, Maßnahmen eingeplant und mit Unterstützung von Betreuungsassistenten und BFD umgesetzt und evaluiert. Diese werden mit Modulen zu Demenz und Delir geschult. Monatliche Treffen unterstützen die Reflexion und Weiterentwicklung von care & accompany.
Der Ansatz Betreuungsassistenten in die Umsetzung psychosozialer Interventionen auf Allgemeinstationen im Krankenhaus einzubinden ist innovativ. In der Altenpflege ist diese Berufsgruppe bereits etabliert. Pro 20 Bewohnerinnen und Bewohnern wird in Altenheimen 1 Betreuungskraft über die Pflegekassen finanziert (§ 85 Absatz 8 SGB XI). Ältere Patientinnen und Patienten erhalten wie in stationärer Altenpflege zusätzliche Betreuung und Aktivierung, die über die nach Art und Schwere der Pflegebedürftigkeit notwendige Versorgung hinausgeht, da diese Patientinnen und Patienten einen zusätzlichen Beaufsichtigungs- und Betreuungsbedarf haben. In stationären Einrichtungen besteht hierzu für alle Pflegebedürftige ein gesetzlich geregelter Anspruch (§43 b SGBXI). Langfristig sollte diese Verbesserung der pflegerischen Versorgung auch für einen Krankenhausaufenthalt (SGB V) verankert werden.
Der Einsatz von BFD, als Teil des Stationsteams, die sich speziell den älteren Patientinnen und Patienten zuwenden, diese beim Essen begleiten, in Gesprächen reorientieren und bei der Deliprävention unterstützen, ist neu. Die BFD können nach gezielter Schulung u.a. zu Kommunikation und Interaktion bei Demenz, Delir und Deeskalation eine Beziehung aufbauen und den Krankenhausaufenthalt kontinuierlich begleiten.
Verstetigung
Die Erfahrungen und Ergebnisse des Pilot-Projektes zum Programm gertrud wurden in eine Implementierungsstrategie Delirprävention und Alterspflege für das Klinikum überführt. Stationen können spezifisch auf ihren Umsetzungsgrad delirpräventiver Maßnahmen und auf stationsspezifische Herausforderungen in der Pflege von Delirrisikopatientinnen- und patienten aus den vorhandenen evidenzbasierten Tools des Programm gertrud auswählen und die Veränderung zeitnah und erfahrbar auf Basis der Pflegedokumentation und Fragebögen evaluieren. Als Tools und Ressourcen stehen u.a. digitale Assessments und Pflegeplanungsprozesse, Blended learning zu Delir, Demenz, Delirscreenings, Flyer/Pocketcards, usw. zur Verfügung. Es stehen Prozesse für interprofessionelle Teambesprechungen und Fallgespräche zur Umsetzung bereit. Personalressourcen wie Bundesfreiwillige und Betreuungsassistenten/Pflegefachhelfende können ausgeschrieben werden.
Auf einer Pilot-Station ist inzwischen eine Pflegefachperson mit Bachelor und gerontopsychiatrischer Fachexpertise ins Stationsteam als Pflegefachperson Alterspflege eingebunden. Sie verantwortet fachlich die Pflege und Begleitung von älteren Risikopatientinnen- und patienten und setzt den Pflegeprozess Alterspflege um. Sie ist Kontaktstelle für u.a. die Delir-Visite, die Sozialberatung und unterstützt mit Bedside-Teaching und Anleitungen die Pflege, insbesondere bei kognitiven Funktionseinschränkungen.
- Die Rahmenbedingungen für langjährige Projekte auf Stationen mit Pflegeteams sind erschwert bei u.a. hoher Fluktuation des Personals, hohem Anteil an Personal mit geringen Deutschkenntnissen und hoher Arbeitsdichte.
- Vor der Durchführung eines Projektes mit Pflegefachpersonen sind unterstützende Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Insbesondere sollte die Gewinnung von Personal zu Projektstart erfolgt sein.
- Veränderungen sollten für die (Projekt-)-Beteiligten zeitnah erfahrbar sein, durch die Fokussierung auf Teil-Probleme und das Angebot einer Tool-Box.
- Die elektronische Pflegedokumentation ist Quelle für die Evidenz von Veränderungen. Die Dokumentationsqualität ist aus pflegewissenschaftlicher Sicht zentral, da bisher in Studienprojekten selten zusätzliche wissenschaftliche Mitarbeitende zur Verfügung stehen, die Daten erfassen.
Unsere Arbeit im Bild
Bekommen Sie einen Einblick ins Projekt
„Ob die Hobbys, Musikvorlieben oder das Lieblingsessen - das Besondere an diesem Bundesfreiwilligendienst ist für mich: den MENSCHEN kennenlernen."
Hinweis:
Das Urheberrecht an den bereitgestellten Bildern, Grafiken und Dokumenten liegt bei dem jeweiligen Krankenhaus.
Reichen Sie Ihr Beispiel guter Praxis ein, um wertvolle Erfahrungen mit anderen Krankenhäusern und Fachleuten zu teilen und so Demenzsensibilität in Bayern voranzutreiben